Kurzantwort: Silikondichtungen sind in der Industrie immer dann erste Wahl, wenn ein Bauteil extreme Temperaturspreizung (–50 °C bis +200 °C / +250 °C), hervorragende elektrische Isolation, Lebensmittel- oder Pharmakontakt oder dauerhafte UV- und Witterungsbeständigkeit braucht. Die drei industriell wichtigsten Bauformen sind O-Ring (statisch/rotierend, Toleranzen nach ISO 3601), Flachdichtung (Flansche und Bauteilfugen) und Formdichtung (komplexe Geometrien, oft im Spritzguss gefertigt). Die Auswahl folgt einem klaren Schema: Medium > Temperatur > Druck > Geometrie > Härte > Zulassung.
Konstrukteure, Einkäufer und Instandhalter stehen oft vor derselben Frage: Welche Silikondichtung passt zu meinem Anwendungsfall – und wo unterscheidet sich Silikon von EPDM, NBR oder FKM, die in vielen Spezifikationen schon stehen? Dieser Leitfaden ordnet die Optionen nach Bauform, Werkstoff und industrieller Anforderung – mit Fokus auf belastbare Auswahlkriterien statt Marketingformulierungen.
Die drei industriell relevanten Bauformen im Vergleich
| Bauform | Typische Funktion | Toleranzen / Norm | Wirtschaftlicher Sweet Spot |
|---|---|---|---|
| O-Ring | Statische und einfache dynamische Dichtaufgaben in Nuten | Maße & Toleranzen ISO 3601-1; Werkstoffanforderungen ISO 3601-3 | Serienteile, große Stückzahlen, standardisierte Nuten |
| Flachdichtung | Abdichtung zwischen ebenen Flächen (Flansche, Deckel, Schaugläser) | Geometrie nach Konstruktion, Werkstoff nach DIN/EN 1514, ASTM F104 | Rohrleitungs-, Apparatebau, Maschinengehäuse |
| Formdichtung | Komplexe Geometrien, mehrfunktionale Dichtungen, Hinterschnitte | Werkzeugfähigkeit, Toleranzen nach DIN ISO 3302-1 (M-Klassen) | Spritzguss bei mittleren bis hohen Stückzahlen |
Silikon, EPDM, NBR, FKM – wann welcher Werkstoff?
Die wichtigsten Elastomere im industriellen Dichtungseinsatz unterscheiden sich vor allem in Temperaturbereich, Medienverträglichkeit und Druckverformungsrest:
| Werkstoff | Dauerbetrieb | Stärken | Schwächen |
|---|---|---|---|
| Silikon (VMQ) | −50 … +200 °C (HT bis +250 °C) | Temperaturspreizung, UV/Ozon, lebensmittel-/medizintauglich, Reinraum, elektrisch isolierend | Begrenzte Beständigkeit gegen Mineralöle/Kraftstoffe, geringere Reißfestigkeit als organische Elastomere |
| EPDM | −40 … +130 °C | Wasserdampf, Heißwasser, Ozon, viele wässrige Säuren/Laugen | Nicht beständig gegen Mineralöle und Kraftstoffe |
| NBR | −30 … +100 °C | Beständig gegen Mineralöle, Kraftstoffe, Hydrauliköle | Schlechte Witterungs-/UV-Beständigkeit, Temperaturbereich begrenzt |
| FKM (z. B. Viton) | −20 … +200 °C | Aggressive Chemikalien, Kraftstoffe, hohe Temperaturen | Hoher Preis, schlechte Tieftemperatur, eingeschränkte Beständigkeit gegen Heißwasser/-dampf |
| FVMQ (Fluorsilikon) | −55 … +175 °C | Silikon-Vorteile + Beständigkeit gegen Mineralöle/Kraftstoffe | Höherer Preis, Temperaturbereich kleiner als Standard-VMQ |
Eine ausführliche Gegenüberstellung haben wir in Silikon vs. EPDM – vollständiger Vergleich dokumentiert.
O-Ring aus Silikon: Auslegung in der Praxis
Ein Silikon-O-Ring sollte in einer Nut eingebaut sein, die nach ISO 3601-2 dimensioniert ist. Faustregeln für statische Anwendungen:
- Verpressung: 15–25 % der Schnurstärke bei statischer, 8–16 % bei dynamischer (rotierender) Dichtung.
- Füllgrad der Nut: 60–85 %, damit Quellung im Medium aufgefangen werden kann.
- Härte: 50–70 Shore A für die meisten Anwendungen; 70–80 Shore A bei höheren Drücken.
- Druckverformungsrest (DVR, ISO 815): Wert < 25 % nach 70 h / 100 °C ist guter Standard für statische Dichtaufgaben.
Bei dynamischen Anwendungen (langsam drehende Wellen, Kolben mit geringem Hub) sind Silikon-O-Ringe technisch möglich, aber die Reibungsverhältnisse sind anders als bei NBR – Schmierstoffwahl prüfen, ggf. fluorsilikonbasiert.
Flachdichtungen aus Silikon: Anpressdruck und DVR
Flachdichtungen aus Silikon werden in Flanschen, Reinigungsklappen, Inspektionsdeckeln, Schauglasträgern und ähnlichen Stellen eingesetzt. Die Materialauswahl folgt drei Regeln:
- Flächenpressung in Auslegungstemperatur: Silikon hat eine geringere Festigkeit als NBR oder EPDM. Auslegungs-Flächenpressungen liegen typischerweise bei 0,5–3 N/mm² (Shore A 50–80).
- Setzverhalten beachten: Druckverformungsrest steigt mit der Zeit. Anzugsdrehmomente nach Wartung gegebenenfalls nachziehen.
- Geometrie: Innen- und Außenkanten müssen in der Konstruktion entgratet sein, sonst entstehen Sollbruchstellen am Übergang.
Formdichtungen: wenn Standardgeometrie nicht reicht
Formdichtungen werden im Spritzguss oder Pressformverfahren hergestellt und decken alle Geometrien ab, die kein Standard-O-Ring oder Stanzteil leistet: rechteckige Rahmendichtungen, Dichtungen mit integrierten Dichtlippen, mehrere Dichtebenen in einem Bauteil, oder Hybriddichtungen mit eingearbeiteten Metall- oder Kunststoffeinlegern.
Die Wahl zwischen den Verfahren hängt vom Bauteil ab: Spritzguss ist wirtschaftlich ab mittleren Stückzahlen und liefert engste Toleranzen, Pressformen ist für komplexere große oder dickwandige Teile geeignet, oft günstiger im Werkzeug. Wir vertiefen das in Spritzguss – moderne Technologie zur Herstellung von Silikonteilen.
Welche Härte für welche Aufgabe?
| Shore A | Anwendungsbeispiele |
|---|---|
| 30 – 40 | Weiche Klimadichtungen, Klimakanäle, Stoßdämpfung |
| 50 – 60 | Standard-O-Ringe, Flach- und Formdichtungen für Niederdruck |
| 60 – 70 | Druckbelastete Dichtungen, dynamische Aufgaben |
| 70 – 80 | Hochdruck, mechanisch beanspruchte Dichtprofile, Stanzdichtungen |
Anwendungsfelder in der Industrie
- Lebensmittel- und Getränkeindustrie: lebensmittelechte Dichtungen mit BfR-XV- und FDA-Konformität für Abfüllanlagen, CIP/SIP, Sterilisatoren. Mehr in Lebensmittelechtes Silikon.
- Pharma und Medizintechnik: USP <87>/<88> Class VI, ISO 10993; reinraumgefertigte Form- und Flachdichtungen.
- Maschinen- und Anlagenbau: Hochtemperatur-Dichtungen für Trocknungs- und Sterilisationsprozesse.
- Elektrotechnik: Silikon ist hervorragender elektrischer Isolator und UV-/Ozon-beständig – ideal für Steckergehäuse, Klimadichtungen Outdoor-Schaltschrank.
- Bahntechnik: Brandverhalten nach EN 45545 (LOI, Rauchgasdichte) verlangt spezielle Silikon-Compounds.
- Wassertechnik: KTW-BWGL-konforme Silikondichtungen für Trinkwasserarmaturen.
Schritt-für-Schritt: So legen Sie eine Silikondichtung aus
- Lastenheft definieren: Medium, Konzentration, Temperaturprofil (Min/Max/Häufigkeit), Druckprofil, Lebensdaueranforderung, Reinigungsverfahren.
- Werkstoff entscheiden: VMQ, FVMQ, HT-VMQ – auf Basis von Medien- und Temperaturanforderung.
- Härte und DVR-Klasse wählen: Standard 50–70 Shore A, DVR < 25 % nach 70 h / 100 °C.
- Bauform festlegen: O-Ring (Standardisierung), Flachdichtung (Flansche), Formdichtung (Sondergeometrie).
- Toleranzen: ISO 3302-1 M-Klassen für Maßabweichungen, ISO 3601 für O-Ringe.
- Zulassungen: BfR XV, FDA, USP Class VI, KTW-BWGL, EN 45545 – je Branche.
- Erstmuster + Validierung: Funktionstest mit Originalmedium und -temperatur, Druckprüfung, Alterungstest (ISO 188).
Was Lindemann fertigt
Lindemann produziert kundenspezifische Silikondichtungen in Extrusion (Endlosprofile, geschnitten oder verschweißt zu Rahmen), Pressformen und Spritzguss – inklusive aller relevanten Compound-Varianten (Standard-VMQ, Hochtemperatur, Lebensmittel, Pharma, brandgeschützt, leitfähig). Konkrete Produktwege: Silikonprofile, Silikonformteile, aufblasbare Silikondichtungen für variable Spaltabdichtung in Reinigungs- und Sterilisationsanlagen.
FAQ: Silikondichtungen in der Industrie
Sind Silikondichtungen ölbeständig?
Standard-Silikon (VMQ) ist nur eingeschränkt gegenüber Mineralölen und Kraftstoffen beständig – es quillt. Für ölführende Anwendungen ist Fluorsilikon (FVMQ) oder ein Standard-NBR/FKM die bessere Wahl.
Welche Norm gilt für Silikon-O-Ringe?
ISO 3601 (Teile 1–5) regelt Maße, Toleranzen, Nuten, Werkstoffanforderungen und Qualitätsannahme für O-Ringe. Für die Werkstoffauswahl wird zusätzlich auf einschlägige Branchennormen referenziert (z. B. NORSOK M-710, FDA, BfR).
Welcher Druckverformungsrest ist akzeptabel?
Für statische Industriedichtungen ist ein DVR nach ISO 815 von < 25 % bei 70 h / 100 °C ein verbreiteter Industriestandard. Für lange Lebensdaueranforderungen sollte er bei der Auslegungstemperatur und realistischen Verpressung gemessen werden.
Können Silikondichtungen autoklaviert werden?
Ja, Silikon ist eines der wenigen Elastomere, das Sterilisationszyklen mit Heißdampf bei 121 °C oder 134 °C wiederholt verträgt – wichtig für Pharma- und Krankenhausanwendungen. Die Lebensdauer hängt von Anzahl der Zyklen, Dampfreinheit und Compound ab.
Wann lohnt sich eine Form- statt Stanzdichtung?
Stanzteile sind günstiger im Einzelpreis, erzeugen aber Verschnitt. Ab Stückzahlen, bei denen die Werkzeugkosten amortisiert werden (häufig 1.000–5.000 Stück, abhängig von Größe und Geometrie), ist eine spritzgegossene Formdichtung wirtschaftlich, mit besseren Toleranzen und ohne Werkstoffverschnitt.
Sind Silikondichtungen elektrisch leitfähig?
Standard-Silikon ist elektrisch isolierend (Volumenwiderstand > 10¹⁴ Ω·cm). Für EMV-Schirmung gibt es spezielle leitfähige Silikon-Compounds mit Silber-, Nickel- oder Kohlenstofffüllstoffen, die Volumenwiderstände bis < 1 Ω·cm erreichen.
Quellen
- ISO 3601-1 bis -5: Fluidtechnik – O-Ringe.
- ISO 3302-1: Elastomere – Toleranzklassen für Formteile.
- ISO 815-1 / ISO 815-2: Bestimmung des Druckverformungsrests bei Umgebungs- bzw. erhöhter Temperatur.
- ISO 188: Wärmealterung von Elastomeren.
- EN 45545-2: Brandschutz an Schienenfahrzeugen.
- BfR-Empfehlung XV „Silikone“ – bfr.bund.de.
- FDA 21 CFR 177.2600: eCFR – Rubber articles intended for repeated use.














